Rezensionen


 

 


"Es gibt Ossis, Wessis und dazwischen die Aussis"

Wer einmal wagt, den Bodensee Tryptychon von Krzysztof Maria Za³uski aufzuschlagen, hat nur drei Möglichkeiten lebendig zu entkommen:
- auf die Knie fallen und um Erbarmen flehen,
- das Buch wegwerfen und das Weite suchen
- oder atemlos, nahe der Ohnmacht, den literarischen Windungen Za³uskis folgen: 
der gnadenlosen Beschreibung eines Phänomens, das uns alle betrifft: Polen in Deutschland.
In Za³uskis Erzählungen werden die Lebenswege der polnischen Emigration nach Deutschland zu Krankheitsverläufen und die Befindlichkeiten der Auswanderer zu pathologischen Symptomen. Seine Diagnose lautet: chronische Sehnsucht, krankhafte Nervosität, sozialer Verfall.
Monika ist Tochter einer polnischen Aussiedlerfamilie, die in den 80er Jahren als deutschstämmig in die Bundesrepublik kam, da ein Opa in der Wehrmacht gekämpft hatte. Während sich die lieben Verwandten zum Familiengeburtstag ankündigen, erzählt Monika in Aussis rotzig vom jahrelangen Übergangszustand der Auffangheime, von den Überlebenstricks der Neuankömmlinge und vom Neid und Geiz der nunmehr deutschen Staatsbürger. Gerade als sich die Geburtstagsfeier ihrem feuchtfröhlichen Höhepunkt nähert, begibt sich die krebskranke Großmutter auf ihr Sterbebett ins Nachbarzimmer. Sie gesteht Monika, die als einzige ihre Abwesenheit bemerkt, ihr Leid, als Fremde in einem fremden Land zu leben. Während die Oma im Sterben liegt und sich die Sippschaft selbst feiert, beschließt Monika, aus der selbstgewählten Isolation ihrer Eltern auszubrechen. Sie flieht.
Jede Fröhlichkeit, die dank der absichtlichen Überspitztheit in Aussis aufkommt, verfliegt bei der zweiten Geschichte des Dreiteilers. Wir sind alle fremd, fast alle ist der literarische "Basic Instinct" der polnischen Emigration: spannend, sexy und schrecklich ernst. Za³uski zeichnet die Wege von Menschen nach, die auf der Suche nach dem großen Glück im schönen Westen landen. Naive und schutzlose polnische Mädchen, die in die Fänge skrupelloser Zuhälter geraten.
Geschickt schließt Za³uski die Kreise einer atemberaubenden Geschichte über Deutschland. Er ist kein Emigrantenschriftsteller, der die schönen polnischen Berge besingt und ein Klagelied über das schwierige Deutschland schreibt, sondern er fügt zusammen, was zusammengehört: die unsägliche deutsche Migrationspolitik einer falschen Blutsgemeinschaft, den verdrängten Wahn vom reinen deutschen Volk, aber auch die Ohnmacht der ewig Fremden, die selbst nicht im Stande sind, die Barriere ihrer eigenen vier Wände zu überwinden. Und er prangert die Ignoranz der angeblichen Urbevölkerung an, die all das kaum wahrnimmt. 
Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich vorstellen wie ein Frankfurter Tryptychon aussähe: der Geschichte von polnischen Viadrinastudenten, die auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ihrer selbstgewählten Abgeschiedenheit im S³ubicer Studentenghetto frönen, folgt eine Erzählung aus der Frankfurter AIDS-Beratung: das Arbeitskollektiv schenkt Manfred B. zum Geburtstag eine Stunde im polnischen Puff und das Kondom reißt. Fällt Ihnen eine dritte ein?

Felix Ackermann

Krzysztof Maria Za³uski, 
Bodensee Triptychon, aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybowska und Henryk Bereska, Dr. Tibor Schäfer 2000, 19.90 DM