rezensionen


 

 


Das Ende der Welt
oder Das wahre Europa entdecken

Von Berlin aus ist jede Reise ins Grenzgebiet zu Polen eine Reise ans Ende der Welt — lautet der erste Satz von Uwe Radas "Zwischenland". Der Autor, Journalist der taz und Kenner des deutsch-polnischen Grenzgebiets hat damit eine Reihe von, wie er sie nennt, "europäischen Geschichten" vorgelegt, in denen sich alles um Perspektiven, Zukunft, Zerfall, Abseits und "Hoffnung und Hoffnungslosigkeit" dreht. Um die Hoffnung, dass das "Zwischenland" dank Menschen, die er ein wenig pathetisch "Pioniere des Grenzgebiets" nennt, etwas mehr wird, als Transitraum, "Märkische Wüste", Polens "Wilder Westen" oder ein "Raum der funktionalen Irrelevanz". Und vielleicht auch die Hoffnung, dass die bis dato desinteressierte Berliner Öffentlichkeit endlich die Welt vor der eigenen Haustür entdeckt. Hoffnungslosigkeit? Die ist einfach allgegenwärtig...

Hoffnung, Perspektive und Zukunft — das ist wahrlich das Letzte, was Andrzej Stasiuk in "seinem Europa" suchen würde. Seine Welt ist die Welt solcher Orte wie Konieczna, Zborov, Gönc, Răşinari und Gjirokastër; Orte, die selten einer zu Gesicht bekommt, und dann schnell wieder vergisst. Der "typisch osteuropäische" Zerfall und die Rückständigkeit des Balkans sind eben wenig einprägsam. Aber es ist gerade dieser Stillstand, die augenstechende Armut und Provinzialität, die Stasiuk zelebriert, ja gar liebkost ("meine Neigung zur Peripherie, mein Hang zur Provinz, [meine] perverse Liebe für alles, was verschwindet, vergeht, verdirbt...", S. 203). Alles, was neu und "europäisch" ist, ist ihm zuwider. Am liebsten würde er all die zerfallenen Dörfer, die mageren Kühe, die traurigen Alkoholiker und die schmutzigen Kinder in seinem Stasiuk-Privat-Reservat einschließen. Dabei ist ihm klar: "... ich spinne hier jetzt Pläne von irgend so 'nem Reservat und wenn die Einwohner der erwähnten Städte und Dörfer davon erfahren würden, würden sie mir einfach in den Arsch treten" (S. 225).

Dabei versuchen sowohl Rada als auch Stasiuk, die Eigenart dieses unglücklichen Stückchens Europa zu begreifen und zu übersetzen. Sie formulieren Sätze, die bald genial und bald grotesk wirken. Stasiuk über Albanien: "Ja, alle sollten hin fahren. Und zumindest diejenigen, die den Begriff 'Europa' verwenden. Das sollte ein Initiationsritus sein, denn Albanien ist das Unterbewusstsein des Kontinents. (...) Es ist ein dunkler Brunnen, in dessen tiefe Schlucht diejenigen schauen sollten, die glauben, der Lauf der Dinge sei für alle Zeiten festgelegt" (S. 119); über Slowenien: "... diese Verräter des slawischen Durcheinander" (S. 215). Rada ist am authentischsten, wenn er nicht im Schlögel'schen Diktum von den "Pionieren des Übergangs" (S. 64) erzählt, sondern wenn er die Geschichte eines Polenmarktes mit dem Satz beginnen lässt: "Die Geschichte von Osinów Dolny ist die Geschichte von Adam Sabłotzki" (S. 88). Indem er die in den letzten Jahren aufgebauschte Meta-Erzählung über Grenzen und Grenzerfahrungen auf die Ebene der Menschen und des Erlebten runterbricht, bringt Rada dem Leser die Realität der von Gott und dem Staat scheinbar verlassenen Orte zwischen Berlin und Poznań näher.

Ort und Zeit sind die Schlüsselbegriffe für beide Bücher. Stasiuk zelebriert den endlosen Horizont (den "namenlosen Raum", S. 11), die zahllosen Dörfer und den Zerfall der Materie als die "wahre Wirklichkeit" und macht keinen Hehl aus seiner Faszination für Geographie und Karten. Für ihn möge die Zeit still stehen — der Stillstand, die Bewegungslosigkeit, die longue duree der Provinz machen sein Europa aus. Es hat, um mit seinen Worten zu sprechen, etwas vom Safari und vom Fata Morgana (S. 127). Es sind aber weniger die nicht minder wichtigen Räume und Orte, die im "Zwischenland" Ausschlag gebend sind — womit Rada mit und gegen Schlögel argumentiert. Frei nach Manuel Castells hebt er die Zeit hervor — die Zeit, von der man im Zwischenland-Niemandsland zu viel hat. "Im Raum der Orte dagegen herrscht (...) Zeit im Überfluss. Hier ist man nicht 'on the road', sondern sitzt auf der Bank vor dem Haus und wartet (...)" (S. 191). Dennoch spricht aus Rada die Zuversicht. Bei ihm ist die Zukunft immer mit im Spiel, in Gestalt von Tourismus, europäischen Fonds, polnischen Kunden oder auch von Ideen und den dazu gehörigen "Pionieren". Gewiss, es wird auch Verlierer geben: "Auch im Grenzgebiet wird es in Zukunft Orte und Landstriche geben, (...) die nicht mehr zum Zwischenland gehören, sondern zum Abseits" (S. 188). Radas Europa droht sich in Stasiuks Europa zu verwandeln. Gelangweilte Männer, die auf der Bank vor dem Haus sitzen und die Zeit abwarten — für Stasiuk sind es die Dinge "wie sie wirklich sind", in der Welt-, also Europas Peripherie (S. 67). Nur sollte es schon alles gewesen sein? Ein langsames Dahinsterben der Zeit in der Mitte Europas, statt dem Raum der Hoffnung? "Im Zwischenland gibt es immer beides, man muss es nur zur Kenntnis nehmen" (Rada, S. 204).
Mateusz Hartwich

Uwe Rada: Zwischenland. Europäische Geschichte aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet; be.bra Verlag 2004, S. 258, ISBN 3-89809-045-0.

Andrzej Stasiuk: Jadąc do Babadag; Czarne 2004, S. 328, ISBN 83-87391-97-2.

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