Rezensionen


 

 


Helga Hirsch - Ich habe keine Schuhe nicht

Mit ihrem neuen Buch hat Helga Hirsch Großes geleistet. Mit "Ich habe
keine Schuhe nicht" ist Hirsch das gelungen, wovon so viele Kreative, so
viele Schreiber, Historiker und Poeten träumen - und es doch nur selten
schaffen: ihr ist es gelungen, für einen Moment die Zeit anzuhalten.
"Geschichten von Menschen zwischen Oder und Weichsel", so ist der
Untertitel des Werkes. Und es sind eben diese Geschichten, es sind diese
Berichte von vergangenen Zeiten und Orten, die die Autorin hat einfangen
können, und denen sie das hat geben können, wonach sie alle streben: Dauer.
Längst verblichene Gegenstände, Menschen und Orte an denen die Zeit
vorüberging, holt sie in unsere Gegenwart indem sie schreibt, indem sie -
wie der polnische Dichter Zbigniew Herbert sagte - die "Rache einer
sterblichen Hand" übt.

Orte und Zeiten streben nach Dauer, die Menschen - nach Eigenständigkeit,
nach einem festen Bild von sich. Sie streben nach der Geborgenheit einer in
sich ruhenden Identität, sie suchen nach etwas, daß sie feit gegen Zeit und
Veränderung - etwas, daß ihnen ihre ganz eigene Dauer gibt. Und hier haben
die Menschen von denen Hirsch berichtet uns etwas zu sagen - denn sie
suchten zeitlebens. Sie suchten zu einer Zeit und unter Umständen die
verflossen scheinen, doch uns näher sind als wir annehmen. Vielmehr noch:
diese Umstände, die die Identitätsfindung so erschweren, begleiten bereits
die meisten Menschen unserer Zeit, und werden es in Zukunft verstärkt tun.
Und darin liegt die außerordentliche Bedeutung von Hirsches Buch: in ihm
wird die Bedeutung des Vergangenen für das Jetzige und das Kommende
gegenwärtig.

"Ich habe keine Schuhe nicht", das sind acht ausgesuchte Biographien einer
scheinbar vergangenen Zeit. Die Schicksale derer, die im Gefolge der großen
Umwälzungen des zweiten Weltkrieges ihre Heimat verlassen mussten, ihre
Identität hinterfragt sahen und sich in einer neuen örtlichen oder sozialen
Umgebung finden mussten, schreibt Hirsch zum Teil mit authentischem Respekt
und selbstlosen Einfühlungsvermögen auf, zum Teil fügt sie lediglich - um
unparteiisch zu bleiben - versprengt Geäußertes in eine chronologische
Abfolge. In ihrem Buch kommen die Menschen zu Wort: es werden die kleinen
Geschichten vorgestellt, nicht die großen Erzählungen.

Bewegendes vereinen die "Geschichten von Menschen zwischen Oder und
Weichsel". Es sind die Erinnerungen von Grenzgängern: von Polen, Juden und
Deutschen die zu Fremden in ihrer eigenen Heimat wurden. Sie sind
Entwurzelte die neue Wurzeln suchen, eine neue Zuordnung oder Zugehörigkeit
- und an verwurzelten Vorurteilen scheitern.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von einem "der so sein wollte wie
alle anderen". Romuald Jakub Weksler-Waszkinel kämpfte zeitlebens mit zwei
Identitäten. Geboren in eine jüdische Familie wuchs er - nachdem ihn seine
Mutter in die Obhut einer Polin hatte geben können - in einem
polnisch-katholischen Umfeld ohne Wissen, jedoch mit Zweifeln ob seiner
Herkunft auf. Sein Zweifel und sein steter Versuch eine feste, akzeptierte
Identität zu finden, gipfelten in seinem Entschluss, Priester zu werden.
Erst spät, im fortgeschrittenen Alter und zu einem Zeitpunkt als er mit
dieser Wahrheit umgehen konnte, erfuhr er definitiv von seiner jüdischen
Herkunft. Heute kann er - für sich - mit beiden Identitäten leben.
Das die umgebende Gesellschaft mit zwei - oder zumindest einer nicht
genau definierten - Identität einer Person umgehen kann, ist indes nicht
leicht gegeben. Zu der ganz persönlichen Frage, wie sich ein Pole deutscher
Herkunft (oder deutscher polnischer Staatsbürgerschaft?) fühlt, kommt noch
die Schwierigkeit der Sichtweise anderer auf ihn hinzu. In Zeiten des
Konfliktes - und darüber hinaus - gelten keine ungenauen Zuordnungen: man
gehört entweder zu der eigenen Gruppe, oder der gegnerischen. Ist man Pole
oder Deutscher, Patriot oder Kollaborateur? Die Geschichte des Teodor Müller
aus einem kleinen Städtchen unweit Lodz ist über die Zeit des
Nationalsozialismus hinaus gezeichnet von diesen Fragen, und beantwortet
sind sie noch immer nicht.
Zoja Perelmuter hat diese Frage für sich beantwortet: "Ich bin Polin,
weil es mir so gefällt". Eine Ausflucht, oder besser eine Flucht in eine
gewählte und gewollte Identität, gewähren Geborgenheit und Sicherheit. Doch
Fragen bleiben.

Diese Fragen, die jede der von Hirsch zusammengetragenen Biographien
aufwirft, werden wohl - will eine Antwort nicht erzwungen oder ertrotzt
werden - unbeantwortet bleiben. Und doch geben sie Antworten: denn diese
Fragen sagen uns etwas über das stete Streben des Menschen nach der
Geborgenheit klarer Zuordnungen und bestätigter Kategorien - und der
Unmöglichkeit diese zu erreichen. Wir können lediglich die Erfahrungen
dieses Kampfes weitergeben, in der Hoffnung, daß das Wissen um die
Unerreichbarkeit einer Regel, einer Gleichheit, uns den Respekt vor der
Andersartigkeit lehre.

Bernd Vogenbeck

Helga Hirsch - Geschichten von Menschen zwischen Oder und Weichsel,
Erschienen bei: Hoffmann & Campe, 17,90€, ISBN: 3-455-09360-4