Rezensionen


 

 


Sibirische Palmen und andere Nichtexistenzen

Eine sibirische Palme ist ein Unding. Oder haben Sie schon mal eine gesehen? Beim Lesen der Erzählungen von Natasza Goerke beginnt man für einen kurzen Moment zu glauben, dass eine solche Palme existieren könnte. Dass sie in ganzen Wäldern in der Einöde der Taiga stehen und nur darauf warten, daß sie sich einer ansieht.
In Natasza Goerkes Geschichten geht es um Existenzen und deren Sinn. Die Sibirische Palme steht metaphorisch für die Frage, warum es eigentlich bestimmte Dinge gibt, und andere nicht. Aber wenn es diese Nichtexistenzen geben würde, müßte man sie als Unsinn bezeichnen, weil es für Sachen, die es nicht gibt, keinen Sinn gibt.
Und jetzt kommt Natasza Goerke ins Spiel. Mit diesem philosophischen Ansatz ergeben sich für sie klare Torchancen, die sie treffsicher in Pointen verwandelt. Ist man nach Das dritte Ufer vielleicht noch etwas verstört, läßt man sich spätestens bei Geburtsstunden 1 bereitwillig auf die Reise durch die funkensprühende Phantasie der Autorin mitnehmen. Unterwegs trifft man allerlei merkwürdige Figuren: Herrn Hrab, der sich vor den Augen einer Trauerfeier in eine Birke verwandelt; Dichterfürsten, die ihr Leben in Kellern und anderen geschlossenen Anstalten verbringen; Vertreter aller erdenklichen Religionen, die meist eine hilfreiche Weisheit für den Weg haben, wie etwa: Das Leben ist ein Schweinekotelett. Man muß es essen und verdauen, statt müßig zu spekulieren.
Die Reise ist leider schon nach 80 Seiten zu Ende. Aber das ist das Gute an Büchern. Man kann sie immer wieder vorn aufschlagen.

Ramon Opitz

Natasza Goerke, Sibirische Palme, aus dem Polnischen von Henryk Bereska, ROSPO 2000, 28 DM