Rezensionen


 

Piotr Siemion:
Picknick am Ende der Nacht

Olga Tokarczuk:
Der Schrank

Andrzej Stasiuk:
Die Welt hinter Dukla

Stefan Chwin:
Tod in Danzig

Pawel Huelle:
Silberregen

Henryk Grynberg:
Drohobycz, Drohobycz

Roma Ligocka:
Das Mädchen mit Rotem Mantel

Cze³aw Mi³osz:
Hündchen am Wegesrand

Ryszard Kapuœciñski:
Die Welt ist ein gewalttätiges Paradies

Aleksander Wat:
Jenseits von Lüge und Wahrheit

Adam Zagajewski:
Lachen und Zerstörung

Zbigniew Herbert:
Herrn Cogitos Vermächtnis, 89 Gedichte

Marek H³asko:
Die schönen Zwanzigjährigen

Halina Poœwiatowska:
Erzählung für einen Freund 

Wilhelm Dichter:
Rosenthals Vermächtnis

Witold Horwath:
Séance

Magdalena Tulli:
In Rot

Natasza Goerke
Sibirische Palme

Marek £awrynowicz:
Der Teufel auf dem Kirchturm

Krzysztof Maria Za³uski:
Bodensee Tryptychon

Antoni Libera:
Madame
 

Jerzy Pilch:
Andere Lüste

Gustaw Herling:
Welt ohne Erbarmen

Artur Sandauer:
Der Tod eines Liberalen

Ryszard Krynicki:
Stein aus der neuen Welt

Adam Zagajewski:
Ich schwebe über Krakau

Natasza Goerke:
Abschied von Plasma

Ma³gorzata Saramonowicz:
Die Schwester

W³odzimierz Kowalewski:
Rotes Haar, nachts

Olga Tokarczuk:
Ur- und andere Zeiten

Maria Nurowska:
Tango für drei

Stefan Chwin:
Die Gouvernante

Józef Ignacy Kraszewski:
Graf Brühl

 


Schwemmland

Ein Gartenzwerg plumpst ins schmutzigbraune, kalte Märzwasser der Oder bei Wroc³aw, während von der Brücke die letzten Töne des Saxophons verklingen. Eine Gruppe junger Polen feiert den Frühlingsanfang 1991, ertränkt symbolisch „Marzanna“, die slawische Gottheit des Winters und der Leblosigkeit. Sie alle haben Pläne, Träume von der Zukunft, Illusionen, die sie einem Engländer auf das Tonband sprechen. „Was nun?“ hat er sie gefragt.
Sie kennen einander seit der Aufhebung des Ausnahmezustandes in Polen. Damals verbrachte der Engländer sieben Monate als Regieassistent an einem Theater in Wroc³aw. Bröckelnder Putz, nach Urin stinkende Hausflure, Zerfall allerorts. So sieht der Engländer die Stadt an der Oder. Er soll Ibsens „Wildente“ mitinszenieren. Glaubt er. Aber es wird ein ganz anderes Stück daraus. Wroc³aw 1983 ist kalt, unwirtlich, undurchschaubar für den hilflos-naiven Briten ohne Polnischkenntnisse. Er wird immer wieder nass, es ist ständig Nacht und die Staatsmacht läßt ihn und die anderen den Knüppel spüren. Aber er findet Leute, die ihn selbstverständlich aufnehmen. Er lernt eine spröde junge Frau, Lidka kennen. Selbstverständlich wird gesoffen, gekifft, gesprayt. Selbst-
verständlich klauen sie Hühner. 
Szenenwechsel. New York 1988/89. Es ist hell, schmutzig, aber farbig. Der Autor beginnt jetzt stärker zu differenzieren. Unter der Freiheitsstatue hat das Leben auch seine Schattenseiten, wenn die nötigen Dollars fehlen. Die Orte der Handlung werden mit viel Liebe zum Detail beschrieben, die Figuren bleiben leider recht blass. Der Engländer lernt jetzt das Filmemachen. Schiffe legen an, Busse treffen ein, man trifft sich wieder. Eine unglaubliche Kette von Zufällen hält die Story zusammen, New York wird zum Katalysator der Geschichte. Der Engländer hat ein (latein-) amerikanisches Pendant zu Lidka gefunden, die aber bleibt. Zufällig in der Nähe. Die Spannung wischen ihnen entlädt sich explosionsartig. 
Am Ende sind alle wieder beisammen, in Wroc³aw. Aber Polen hat sich verändert. Die Russen ziehen gerade ab. Es herrscht Aufbruchsstimmung, das Gefühl der großen Freiheit. 
Ein im ersten Teil leider recht plakativ angelegter Roman, der allerdings von den überraschenden Einfällen und ungewöhnlichen Blickwinkeln des Autors illuminiert wird. Seine guten Detailkenntnisse – er selbst verließ Polen Ende der Achtziger in Richtung Amerika – verführen ihn leider hin und wieder zu ausschweifenden Beschreibungen. Dennoch, hier gehen amerikanisches creative writing und Selbstironie, gepaart mit Witz und Phantasie eine lesenswerte Symbiose ein. Die zielsicher eingesetzten Stilwechsel und Erzähltechniken deuten auf erlerntes Handwerk hin, wenn auch sprachliche Fehlgriffe leider nicht ausbleiben. Dies kann aber auch eine Folge der Übersetzung sein. Warum allerdings aus dem polnischen Titel „Niskie £¹ki“ – „Schwemmland“ in der Übersetzung „Picknick am Ende der Nacht“ wird, diese Frage mögen der Verlag oder die Übersetzerin beantworten.

Maik Altenburg 

Piotr Siemion, Picknick 
am Ende der Nacht, 
Verlag Volk & Welt 2000, 
aus dem Polnischen von Esther Kinsky, ca. 44,- DM