Rezensionen
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Piotr Siemion:
Picknick am Ende der NachtAndrzej Stasiuk:
Die Welt hinter DuklaHenryk Grynberg:
Drohobycz, DrohobyczRoma Ligocka:
Das Mädchen mit Rotem MantelCze³aw Mi³osz:
Hündchen am WegesrandRyszard Kapuœciñski:
Die Welt ist ein gewalttätiges ParadiesAleksander Wat:
Jenseits von Lüge und WahrheitAdam Zagajewski:
Lachen und ZerstörungZbigniew Herbert:
Herrn Cogitos Vermächtnis, 89 GedichteMarek H³asko:
Die schönen ZwanzigjährigenHalina Poœwiatowska:
Erzählung für einen FreundWilhelm Dichter:
Rosenthals VermächtnisNatasza Goerke
Sibirische PalmeMarek £awrynowicz:
Der Teufel auf dem KirchturmKrzysztof Maria Za³uski:
Bodensee TryptychonGustaw Herling:
Welt ohne ErbarmenArtur Sandauer:
Der Tod eines LiberalenRyszard Krynicki:
Stein aus der neuen WeltAdam Zagajewski:
Ich schwebe über KrakauNatasza Goerke:
Abschied von PlasmaMa³gorzata Saramonowicz:
Die SchwesterW³odzimierz Kowalewski:
Rotes Haar, nachtsOlga Tokarczuk:
Ur- und andere ZeitenMaria Nurowska:
Tango für dreiJózef Ignacy Kraszewski:
Graf Brühl
Todesbürokratie
Bereits im Jahre 1947 erschien in Polen Artur Sandauers Werk Œmieræ libera³a, das erst jetzt übersetzt wurde und im Pendragon Verlag Bielefeld unter dem Titel Der Tod eines Liberalen erschienen ist.
Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Sandauer (1913-1989), der selbst aus dem ärmlichen, hauptsächlich von Juden bewohnten Viertel der galizischen Stadt Sambor stammt, die Vernichtung der polnischen
Juden aus ihrer Sicht zu beschreiben. Dabei berichtet
er aus der Perspektive verschiedener Personen, setzt Ironie ein oder verschiebt Zeit- und Ortsebenen. Herausgekommen sind Bruchstücke, die als Gesamtheit keine Geschichte, sondern ein Bild ergeben, das unfertig, nicht vollkommen scheint.
Vor dem Hintergrund der kurzen Zeitspanne, die zwischen dem Ende des Krieges und der Publikation des Buches liegt, ist die Distanz des Autors zu den Geschehnissen besonders erstaunlich. Sandauer, der in seinen Gesammelten Kritischen Schriften (Warschau 1981) den Betroffenheitsphilosemitismus geißelt, beschreibt hier den Versuch der Judenräte, mit den Deutschen zu verhandeln, um Menschenleben zu schachern.
In den Mittelpunkt stellt er die unlösbaren Fragen um Ethik und Moral. Ist es gerechtfertigt, die einen Menschen zu opfern oder auszuliefern, damit andere überleben? Ist es recht, die zu retten, die durch ihren Beruf etc. der Gemeinschaft von Nutzen sein werden? Oder ist es recht, die zu retten, die man persönlich kennt? Oft ergeben sich dabei so skurrile wie schreckliche Momente, etwa wenn es darum geht, Listen mit den Namen der Menschen zu erstellen, die aufgrund eines beliebigen Kriteriums vom nächsten Übergriff, der nächsten „Umsiedlung“ verschont werden sollen. So führt z.B. ein zu langer Name oder ein Schreibfehler dazu, dass eine eigentlich auf der Liste stehende Familie doch deportiert wird. Ein ganzes Kapitel widmet Sandauer der bis auf wenige Ausnahmen funktionierenden Todes-Bürokratie innerhalb der jüdischen Gemeinde unter dem in seinem Perfektionismus unwissentlich zynischen Doktor Henryk Jassym.
Der Vorsitzende des Judenrates, Herbert Kirsche, wird mit dem Satz „Jeder Nichtjude ist ein Antisemit“ eingeführt, den man inzwischen paradoxerweise mit ähnlichem Wahrheitsgehalt in sein Gegenteil verkehren kann: Jeder Nichtjude ist ein Philosemit. Sandauer beschreibt den ungleichen Handel, den die nichtdeutschen Nichtjuden mit den dem Tode entgegensehenden Juden betreiben und doch immer noch mit den gleichen Vorwürfen aufwarten: „»Wozu braucht ihr soviel Geld? Nehmt ihr es mit ins Grab, oder was?« (...) Und die Daunendecke wanderte über den Stacheldraht.“
Sandauer, der die „Liquidierung“ des Ghettos von Sambor im Jahre 1943 in einem Versteck bei einer ukrainischen Familie überlebte, entwirft Situationen, in denen die einen Menschen helfen, während andere verraten und sei es nur dadurch, dass sie untätig bleiben. Dabei verzichtet er auf die plakative Trennung in gut und böse. Stattdessen geht es um (nicht vorhandenes) Heldentum und Menschsein, um Zufälle, um Unentschlossenheit im Handeln, um das Riechen an der Macht, das Menschen verändert. Sandauer nennt alle erdenklichen Personen und Konstellationen und bleibt dadurch von den einzelnen Charakteren meist distanziert. Und kommt immer wieder zu dem gleichen Schluss: „Alle sind wir schuldig.“
Ricarda Marko
Artur Sandauer, Der Tod eines Liberalen, Pendragon,
24.80 DM