Rezensionen
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Piotr Siemion:
Picknick am Ende der NachtAndrzej Stasiuk:
Die Welt hinter DuklaHenryk Grynberg:
Drohobycz, DrohobyczRoma Ligocka:
Das Mädchen mit Rotem MantelCze³aw Mi³osz:
Hündchen am WegesrandRyszard Kapuœciñski:
Die Welt ist ein gewalttätiges ParadiesAleksander Wat:
Jenseits von Lüge und WahrheitAdam Zagajewski:
Lachen und ZerstörungZbigniew Herbert:
Herrn Cogitos Vermächtnis, 89 GedichteMarek H³asko:
Die schönen ZwanzigjährigenHalina Poœwiatowska:
Erzählung für einen FreundWilhelm Dichter:
Rosenthals VermächtnisNatasza Goerke
Sibirische PalmeMarek £awrynowicz:
Der Teufel auf dem KirchturmKrzysztof Maria Za³uski:
Bodensee TryptychonGustaw Herling:
Welt ohne ErbarmenArtur Sandauer:
Der Tod eines LiberalenRyszard Krynicki:
Stein aus der neuen WeltAdam Zagajewski:
Ich schwebe über KrakauNatasza Goerke:
Abschied von PlasmaMa³gorzata Saramonowicz:
Die SchwesterW³odzimierz Kowalewski:
Rotes Haar, nachtsOlga Tokarczuk:
Ur- und andere ZeitenMaria Nurowska:
Tango für dreiJózef Ignacy Kraszewski:
Graf Brühl
Noch ist Polen nicht verloren für schonungslose Selbstkritik
Der Titel kann irreführen. Es geht nicht um Porzellan. Auch Rosenthals Vermächtnis einen Roman zu nennen, wie der Verlag es tut, ist nicht richtig.
Eine Autobiographie oder ein historisches Dokument zu verfassen, scheint nicht die Absicht des Autors gewesen zu sein. Aber was dann? Eine Reihe von Bildern, die der 1935 im ostpolnischen Borys³aw geborene Wilhelm Dichter in seinem Gedächtnis evoziert, sind authentisch: Genau so hat der 14-jährige Jude, „schwarz wie Teer“, den Übergang Polens zum kommunistischen System erlebt, genau so hat er den polnischen Antisemitismus erfahren, genau so spornten „der Mechanismus der Geschichte“, „das dialektische Denken“ und „der Übergang von der Quantität zur Qualität“ sein Denken an.
Indem er Bilder seiner Jugend evoziert, analysiert Dichter sein „intellektuelles Reifen“ in der Volksrepublik Polen, das überwiegend von Herrn Rosenthal beinflusst wurde. Rosenthal, ein pensionierter Apparatschik, der auf einem Halbposten in der Abteilung für Geschichte des Zentralkomitees arbeitete, versuchte dem „ideologisch ungeformten“ Jungen durch die dialektischen Widersprüche: „Die Demokratie braucht eine Diktatur“, ein scheinbar logisches Weltbild zu erschaffen. „Ich hatte eine Schwäche für ihn. Der Kontakt mit ihm gab mir das Gefühl, mit etwas Großem zu tun zu haben. Ob Dogmatiker oder nicht, war er doch mit etwas in Berührung gekommen, was die Welt verändert hatte. Sein Glaube an den Sieg des Kommunismus teilte sich mir mit!“ Und fast hätte sich der junge Sozialist von der sinnstiftenden „sowjetischen Belletristik“ „härten“ lassen, wenn, ja, wenn nicht seine angeborene „partielle Farbenblindheit – eine Rotschwäche“ und das Zuhause gewesen wäre. „Auf arischer Seite“ überlebte die Mutter, die in Polen keine Zukunft für die Juden sah, und der einen privilegierten Posten im Auslandsministerium innehabende Stiefvater. Der Vater glaubte, dass „der Strom der Geschichte den Antisemitismus fortschwemmen wird“. Geprägt von diesen zwei Welten erinnert sich Wilhelm Dichter nicht ohne Ironie und Distanz an seine Faszination für den von Rosenthal personifizierten „realexistierenden Kommunismus“. Und nichts interessiert ihn dabei weniger, als sich selbst ins rechte Licht zu rücken, und nichts mehr, als den Leser am Erlebten teilhaben zu lassen. Er versucht seine Kindheitsbilder in eine Erzählung zu verwandeln. Erinnerungslücken glättet er ebenso wenig, wie er sie inszeniert, souverän löst er die Handlung in Einzelszenen auf, wodurch eine Art ahistorisches Vergrößerungsglas entsteht. Trotzdem hebt sich das Buch durch diese Distanzierung vom eigenen Gedächtnis von dem ab, was seit einiger Zeit als literarische Nostalgiewelle über Polen hinwegschwappt: Die jahrzehntelang verdrängte jüdisch-polnische Problematik ergeht sich in Pathos und Patina. Umgekehrt leistet Wilhelm Dichter, der 1968 vor der antisemitischen Hatzkampagne aus Polen geflohen ist und heute als Computerspezialist in den USA lebt, glücklicherweise keine politisch korrekte Völkerverständigung. Hingegen lassen seine Bücher (Rosenthals Vermächtnis ist eine Fortsetzung von Das Pferd Gottes) die Hoffnung zu, dass Polen für Selbstkritik der schonungsloseren Art noch nicht ganz verloren ist.
Agnieszka Pufelska
Wilhelm Dichter, Rosenthals Vermächtnis, aus dem Polnischen von Martin Pollack, Rowohlt Berlin 2000, 38 DM