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der geniale konjunkturalist

Wenige Gestalten des 20. Jahrhunderts haben in Polen so viele so gegensätzliche Emotionen erweckt wie Konstanty Ildefons Gałczyński, wenige hatten aber auch so viele Wandlungen durchlebt, die so symbolisch sind für die Geschicke des Landes im "Jahrhundert der Extreme".

Konstanty Gałczyński, der "Sohn von Konstanty" (wie auch der Titel einer bekannten Biographie lautet), einem Bahnbeamten, schlüpfte in seinem kurzen Leben in verschiedenste Rollen. Geboren 1905 in Moskau, begann er als Avantgarde-Dichter in den frühen 20-er Jahren, arbeitete für die Zensur, war Botschaftsattache in Berlin, schrieb für eine nationalistische, antisemitische Zeitschrift, verbrachte die Kriegsjahre in einem Gefangenenlager und kam, tot-geglaubt, 1947 ins nunmehr kommunistische Polen zurück, wo er eine außerordentliche Karriere als literarische Stütze des Systems machte. Dazwischen lagen Jahre des Dichtens. Und dichten konnte er...

Er schrieb wie ein Wilder, für Zeitungen, Zeitschriften, eigene Lyrikbände und im späteren Lebensabschnitt für die Partei. Gewiss, Vieles trägt den Makel einer Massenware, Vieles erscheint aus heutiger Sicht zu pathetisch, zu intellektuell, zu populistisch oder zu konformistisch. Jedoch beherrschte kaum einer wie er die Sprache, mit der er Gefühle, Eindrücke und Überzeugungen ausdrückte. In seinen Gedichten kann ein Dichter einen Wahl reiten, eine Pumpe seufzen und eine Gurke (nicht) singen. Ob Liebeslyrik an seine Frau Natalia — es war Liebe auf den ersten Blick, sie heirateten nach drei Monaten Bekanntschaft —, patriotische Hymnen an die Soldaten von Westerplatte, absurde Sketche des "Theaters Grüne Gans", epische Poemata oder kleinere lyrische Formen — für jede Gefühlslage und für jeden Auftragsgeber fand KIG (wie er genannt wurde) die richtige Ausdrucksform.

Sein Leben neben den Gedichten war eher weniger glorreich. Dass er so viel an literarischem Erbe hinterlassen hat, liegt auch daran, dass er stets in der Angst lebte, irgendwann arm und (oh, Graus!) nicht gelesen zu werden. Dieser Druck war auch Ursache für die zahlreichen überraschenden Wenden. Er nahm jede Arbeit, die er kriegen konnte. Wie anders wäre sonst die Zusammenarbeit mit der nationalistischen Zeitschrift "Prosto z mostu" in den 30-er Jahren zu verstehen. Oder seine Rückkehr ins stalinistische Polen, wo er, von Preisen, staatlichen Ehrungen und allerlei materiellen Gütern überschüttet wurde und brav Lobgesänge für Stalin, eine neue, sozialistische Version der Nationalhymne (sic!) oder abscheuliche Schmähschriften auf Exilschriftsteller (z.B. den späteren Nobelpreisträger Czesław Miłosz, der ihn dann als "Gamma" in seinem "Unfreien Gedanken" verewigte) schrieb. Gleichzeitig baute er durch seine Autorität und wöchentlichen Feuilletons die relativ unabhängige Wochenzeitschrift "Przekrój" mit auf, eben jene, die kurz vor seinem Wiederauftauchen einen Nachruf auf ihn veröffentlichte. Er verbrachte sogar einige Monate in Stettin, wo der ehrgeizige Wojewode Borkowski eine Kolonie bekannter Künstler errichten wollte, um der stark zerstörten Stadt den Glanz eines "polnischen Fensters zur Welt" verleihen wollte. Die sich bereits anbahnenden gesundheitlichen Schwierigkeiten haben das allerdings verhindert, auch wenn Stettin sich bis heute mit dem Namen des Dichters schmückt und neben Krakau als "die Stadt von Gałczyński" gelten will.

Seine letzten Jahre verbrachte er dann in einer Villa in den Masuren (ein Geschenk des Staates), die bis heute ein ihm gewidmetes Museum beherbergt — geleitet wo seine Tochter, Kira, der einzig legitimen Hüterin seines Erbes und Autorin mehrerer Biographien. Es wurde still um Gałczyński — an berühmten Dichtergestalten fehlte es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrlich nicht in Polen. Die Bombe schlug ein, als Anfang der 1990er Jahre ein unehelicher Sohn, ebenfalls Konstanty auftauchte, der im Kriegsgefangenenlager gezeugt wurde, und in Australien lebend erst vor Kurzem von seinem Vater erfuhr. Dieses Jahr wurde vom Kulturministerium zum "Gałczyński-Jahr" erklärt, mit zahlreichen Veranstaltungen und Konferenzen.

Vor 50 Jahren starb Konstanty Ildefons Gałczyński —
er wurde nur 48 Jahre alt.

Mateusz Hartwich

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